Gemeindebautöne

Anlässlich des Tags der Arbeit, wurde am 30.4.2016, im 12.Bezirk der August Fürst Hof zur Bühne transformiert. Auf den Balkonen sangen BewohnerInnen des Gemeindebaues, gemeinsam mit dem Arbeiter Sängerbund Favoriten und anderen KünstlerInnen und Bands (wie Skero, Playbackdolls Özlem Bulut, Hozan Qamber, Wiener Blond), bekannte Lieder, die das Verlangen nach sozialer Gerechtigkeit und mehr materiellem Wohlstand artikulieren.
Die Performance ist eine Reaktion auf die derzeitige Wohlstandsverteilung. Schon lange ist diese nicht mehr so ungerecht gewesen, wie in den letzten zwei Jahrzehnten der neoliberalen Wirtschaftspolitik. Gerade im Gemeindebau zeigt sich diese Entwicklung auf eklatante Weise. Es leben hier immer mehr Menschen verschiedenster Herkunft, die sich sozial benachteiligt, vernachlässigt und ausgegrenzt fühlen.
Häufig machen BewohnerInnen mit geringerer Bildung andere Menschen mit Migrations- oder Fluchthintergrund für eine meist als unbefriedigend wahrgenommene soziale Situation verantwortlich. Diese Annahme, die von rechten Parteien mitpropagiert wird, führt immer wieder zu Ausgrenzungen und Spannungen zwischen den „alteingesessenen“ BewohnerInnen und MieterInnen mit Migrationshintergrund im Gemeindebau und darüber hinaus zu Spaltungen in der Gesellschaft. Eine politische Intention des Projekt war es, diesbezüglich bei den BewohnerInnen und beim Publikum, in Form von Transparenten, die auf den Balkonen angebracht waren, Aufklärungsarbeit zu leisten und diesem Trend, dem oftmals eine gewisse Ohnmacht zugrunde liegt, entgegenzuwirken. Auch wurden beispielsweise in Form von Gesprächsrunden mit den BewohnerInnen Falschmeldungen aus hetzerischen Boulvardmedien analysiert oder die Hintergründe und Auswirkungen der neoliberalen Politik versucht zu vermitteln.
Denn die eigentliche Ursache für existenzielle Sorgen und soziale Unzufriedenheit ist die globale und seit Ende der 1990er Jahre auch in Österreich auftretende neoliberale Wirtschaftspolitik. Diese ist auch neben Krieg, Klimawandel und regional- und geopolitischen Machtspielen einer der Gründe für Flucht. Im Gemeindebau treffen die VerliererInnen dieses weltweit agierenden Systems aufeinander.
Anstatt dagegen zu protestieren, wird der/die migrantische NachberIn für die immer mehr als unsicher empfundene Lebenssituation verantwortlich gemacht.

In den Treffen, die zwischen September 2015 und April 2016, in lockerer Atmosphäre stattgefunden haben, ging es vor allem darum sich mit der Lebenssituation der BewohnerInnen auseinanderzusetzen. Dabei wurden die beteiligten BewohnerInnen, die mehrheitlich keinen Migrationshintergrund hatten, gebeten, in Form von anonymisierten Fragebogen Auskunft darüber zu geben, wie zufrieden sie mit ihrer Arbeitssituation und Bezahlung sind und was generell ihre Ängste und Wünsche sind. Die Antworten wurden dann gemeinsam mit anderen persönlichen Statements und Erfahrungsberichten, die im Laufe eines Jahres von Menschen verschiedenster sozialer Gruppierungen gesammelt wurden verwendet und als satirische Zitate zwischen den Gesangseinlagen widergegeben. Viele Menschen, die auf dem Meidlingpllatzl am Tag der Aufführung im Publikum saßen, entdeckten sich in den auch aktustisch veränderten Kommentaren wider.
Die theatrale Inszenierung war aber nicht nur ein künstlerischer Protest gegen Neoliberalismus und für mehr soziale Gerechtigkeit und sondern auch für mehr Miteinander. Die gemeinsamen Gespräche, Proben und dann der Auftritt mit dem/der migrantischen NachbarIn sollte brückenbildend wirken und Vorurteile reduzieren.
Aber auch die Auftritte von externen MusikerIinnen mit migrantischer Herkunft, wie z.B. Özlem Bulut sollten dazu beitragen.
Ebenso war es ein Ziel der Performance nicht nur die Leistungen von österreichischen arbeitenden Menschen zu würdigen, sondern vor allem auch jene der migrantischen ArbeiterInnen. So wurde z.B. der Beginn von dem Lied „die ArbeiterInnen von Wien“ auf Türkisch gesungen.
Nicht nur aufgrund der Auswahl mancher Lieder erinnerte die Aktion auch an die ArbeiterInnenkultur der 1920er Jahre. Dieses Projekt ist auch eine Hommage an diese außergewöhnliche Zeit des Roten Wiens und möchte dessen Ideen wiederaufgreifen.
Das musikalische Repertoire konzentrierte sich allerdings doch vorwiegend auf dieverschiedensten Bereichen der neueren und gegenwärtigen Popmusik. Gesungen wurden Songs, welche die politischen Themen der Performance behandeln und die so bekannt sind, dass Jeder/Jede mitsingen konnte, wie beispielsweise Abbas „Money Money“. Auch durch das Austeilen von Songtexten an das Pubikum wurde es ermöglicht, dass die BesucherInnen an der Aktion partizipierten. Nach dem Auftritt des Chors und der verschiedenen MusikerInnen legte DJ Leon und Sweet Susie
ebenfalls Songs auf, welche die Themen von der Performance aufgreifen.
Aufgrund des offenen und niederschwelligen Formats, konnten nicht nur Menschen aus der Kunst- und Kulturszene oder aus dem politischen Aktivismus als Publikum gewonnen werden, sondern es wurden auch Personen erreicht, die sonst kaum solche Art von kulturellen Veranstaltungen besuchen würden. Es war daher sehr erfreulich, dass auch Menschen als ZuschauerInnen dabei waren, die sich
kulturell ausgegrenzt und als sozialbenachteiligt fühlen und aus diesem Grund rechtspopulistische Parteien wie die FPÖ wählen. Sicherlich sprach aber auch das Thema soziale Ungerechtigkeit, das in der Performance auf verschiedenen Ebenen behandelt wurde rund 800 Leute verschiedenster Schichten an. Die zahlreichen positiven Kommentare zeigten, dass Menschen quer durch fast alle Gesellschaftsschichten durchaus kritisch und selbstreflektiert auf allgemeine gesellschaftliche und politische Herausforderungen des aktuellen Zeitgeschehens reagieren.
Dass die unterschiedlichsten Leute aus dem August Fürst Hof überhaupt bei dem Projekt mitgemacht haben, war nur aufgrund mehrmaliger von Tür –zu-Tür-Besuche und durch die Unterstützung eines Mannes aus dem Mieterbeirat möglich sowie eines Türkischdolmetschers. Trotz der Skepsis zu Beginn waren alle TeilnehmerInnen im Nachhinein begeistert von der Aktion. Alle Involvierten erhielten auch eine Aufwandsentschädigung in der Höhe von 150€.